Immo­bi­li­en­s­cams sind alt­be­kannt. Manch­mal sind die Täter sub­ti­ler am Werk, manch­mal weni­ger. Sind gefälschte Web­sei­ten mit pas­sen­den Tele­fon­num­mern und Mail­adres­sen sowie eine gute Story und etwas Cha­risma im Spiel, dann ist man in die Fänge von Pro­fis gera­ten.

Schnel­les Geld in Aus­sicht? Das Gehirn schal­tet auf Auto­pi­lot.

Am Anfang steht oft ein ers­ter Kon­takt per Tele­fon. Dank einem ers­ten Gespräch per Tele­fon wis­sen die Täter schon, mit wem sie es zu tun haben. Sie schät­zen blitz­schnell die Lage ein: Spricht das Opfer klar oder etwas lang­sam? Macht es einen geschäfts­er­fah­re­nen Ein­druck oder nicht? Benutzt das Opfer Fach­aus­drü­cke und wenn ja, benutzt es sie rich­tig? Spricht es viel und gerne oder ist es wort­karg? Muss man dem Opfer schmei­cheln oder domi­nant auf­tre­ten? Hat das Opfer Hilfe im Hin­ter­grund oder ver­sucht es sich selbst durch­zu­wurs­teln, um Kos­ten zu spa­ren? So ein Fall ist kürz­lich an mich her­an­ge­tra­gen wor­den.

Mit einem selbst­er­stell­ten Inse­rat (Fotos aus den Pri­vat­räu­men und selbst­ver­fass­tem Text) wollte Herr X.* eine Immo­bi­lie ver­kau­fen. Unter einer gros­sen Anzahl pro­fes­sio­nel­ler Immo­bi­li­en­mak­ler, die wegen dem eher ama­teur­haf­ten Vor­ge­hen ein Man­dat wit­ter­ten, waren auch eine Hand voll ernst­hafte Inter­es­sen­ten. Und unter jenen, die sich ganz beson­ders inter­es­sier­ten, fand sich auch die “Fami­lie Las­mann”. So jeden­falls stellte sich die Anru­fe­rin vor. Sie heisse Illana Las­mann und rufe für ihren Vater an.

Im Sog einer Betrü­ger­story

Inner­halb einer Woche kam es zu diver­sen Tele­fo­na­ten und einem regen Aus­tausch. Illana hat sich den Gesprächs­in­halt offen­bar jeweils gemerkt und hat gekonnt daran ange­knüpft. Beim ers­ten Gespräch hat sie nur auf das Inse­rat im Inter­net ver­wie­sen. Sie sagte, sie rufe für ihren Vater an, einen jüdi­schen Dia­man­ten­händ­ler in Jeru­sa­lem. Das Geschäft laufe sehr gut und man habe Geld, das man inves­tie­ren wolle. Pas­send dazu hatte die benutzte Tele­fon­num­mer die Orts­vor­wahl von Jeru­sa­lem (für Herrn X. war es ein­fach eine Num­mer aus dem Aus­land). Die Fami­lie von Illana sei zwar in Jeru­sa­lem domi­zi­liert, habe jedoch gute Ver­bin­dun­gen in die Schweiz. Der Vater wolle in der Schweiz inves­tie­ren, aber nicht spe­ku­la­tiv, son­dern nur damit man dort etwas Fes­tes, Seriö­ses habe. Die Tat­sa­che, dass die Immo­bi­lie ver­mie­tet ist, sei sehr posi­tiv, wich­tig sei aber eigent­lich nur, dass man nicht rück­wärts mache. Das Gespräch wurde dann auf wei­ter zurück­lie­gende Immo­bi­li­en­ge­schäfte gelenkt und durch geschick­tes Fra­gen hat Illana Herrn X. zu immer wei­te­ren Anga­ben bewegt. Es ent­stand ein Ver­trauen. Am Ende hatte Herr X. den Ein­druck, Illana sei von einem frü­he­ren Geschäfts­part­ner emp­foh­len wor­den.

Man tauscht die Email­adres­sen aus: info @ jerusalem-diamond.com. Illana sagt, alles Wich­tige finde man auf der Home­page.

Herr X. schreibt Illana, dass man für die wei­te­ren Geschäfts­ver­hand­lun­gen doch bitte mit sei­nem Anwalt Kon­takt auf­neh­men solle. Der würde auch alles Nota­ri­elle regeln. Dar­auf geht sie nicht ein und bleibt hart­nä­ckig an Herrn X. dran. Sie ruft am nächs­ten Tag noch­mals an und bekräf­tigt, dass ihr Vater wirk­lich Inter­esse habe. Herr X. bit­tet noch­mals um die genaue­ren Per­so­nal­an­ga­ben, dann könnte ein ers­ter Ver­trags­ent­wurf erstellt und per Post zuge­schickt wer­den. Illana erklärt, dass die Unter­la­gen am bes­ten auf die Mail­adresse geschickt wer­den sol­len. Man sei sehr inter­es­siert und würde nach einer Ver­kaufs­zu­sage sofort eben­falls eine ver­bind­li­che Zusage aus­stel­len.

Nach einer Mail­an­frage an Illana mit dem Hin­weis, dass das Kon­takt­for­mu­lar auf der Home­page nicht funk­tio­niere (warum wird sich spä­ter noch her­aus­stel­len), kommt zügig ein wei­te­res Tele­fon. Sie würde die genauen Kon­takt­an­ga­ben umge­hend mit­tei­len, sobald sie die Ver­kaufs­zu­sage erhal­ten habe und alle Inse­rate aus dem Inter­net genom­men seien. Sie sagt: “Danach erscheint das voll­stän­dige Impres­sum auf der Web­seite”.

Herr X. schreibt per Mail, dass er sich durch­aus vor­stel­len kann, zu ver­kau­fen und Illana schickt ihm (als Reply auf eine ältere Mail) rela­tiv zügig ihre Kauf­zu­sage mit PDF-For­mu­lar im Anhang:

Mail­ver­kehr mit der Jeru­sa­lem-Dia­mond-Crew.

Trotz mehr­fach geäus­ser­ter Beden­ken aus dem nahen Umfeld hat die Betrü­ge­rin es fer­tig­ge­bracht, dass Herr X. jedes­mal die Beden­ken in den Wind schlägt und wei­ter­kom­mu­ni­ziert. Herr X. besass aber die Cle­ver­ness, sein Umfeld über die Ver­kaufs­ent­wick­lun­gen zu ori­en­tie­ren. Er was also nicht allein.

Nach­dem ich über die genaue­ren Umstände ori­en­tiert wurde, habe ich die Firma und die Fami­lie Las­mann abge­klärt. Die ganze Sache hat sich bereits recht dubios ange­hört, aber der Spruch, “Danach erscheint das voll­stän­dige Impres­sum auf der Web­seite”, hat den letz­ten Fun­ken Glaub­wür­dig­keit zunichte gemacht. Erst die Resul­tate die­ser OSINT-Recher­che haben bei Herrn X. dann genug Beden­ken erzeugt:

Jeru­sa­lem Dia­mond Co, Ltd” und die Fami­lie “Las­mann”

Der benutzte Fami­li­en­name “Las­mann” ist nicht auf­fäl­lig. Er exis­tiert, er ist nicht extrem üblich oder sehr sel­ten. Gibt man ihn bei ver­schie­de­nen Such­ma­schi­nen ein, taucht Unter­schied­lichs­tes auf. Per­so­nen mit der benutz­ten Kom­bi­na­tion von Vor­na­men und Namen las­sen sich im Netz vor­der­hand aber nicht iden­ti­fi­zie­ren. Der Fami­li­en­name Las­mann, eine Illana oder Elena liess sich nicht innert nütz­li­cher Zeit oder mit ange­mes­se­nem Auf­wand abklä­ren.

Von Betrü­gern gern benutzt wer­den ähn­lich klin­gende Namen. Auch hier war es sehr prak­tisch, dass eine der bei­den invol­vier­ten Damen Elana hiess und die andere Illana. Weiss die Betrü­ge­rin mal nicht mehr von was gespro­chen wurde, kann sie sagen, “Ach, das haben Sie wohl mit Elana bespro­chen, ich bin Illana.”. Damit pro­vo­ziert man manch­mal sogar eine Ent­schul­di­gungs­hal­tung beim Opfer, es meint, es habe tat­säch­lich jeman­den ver­wech­selt. Dann lacht man zusam­men über den Feh­ler und das Opfer gerät noch tie­fer in die psy­cho­lo­gi­sche Falle.

Und wie kommt es, dass Illana von Jeru­sa­lem (Vor­wahl +00972) aus anruft? Heute wird über VoIP tele­fo­niert. Selbst dann, wenn Sie ein Uralt­te­le­fon benut­zen wür­den, das mit zwei Dräh­ten aus der Wand ver­bun­den ist, wird im Hin­ter­grund das Inter­net­pro­to­koll (IP) benutzt. Im Hin­ter­grund sind auch sol­che Geräte dann in irgend­ei­ner Form auf einem digi­ta­len Kanal unter­wegs. Die Tele­fon­num­mer kann je nach Anbie­ter sogar völ­lig frei gewählt wer­den. Auf eine Vor­wahl kann man also nicht mehr gehen.

Han­dels­re­gis­ter­re­che­ren

Ergie­bi­ger war da die juris­ti­sche Per­son, die die Betrü­ger auf ihrer Home­page “Jeru­sa­lem Dia­mond Cor­po­ra­tion Co, Ltd” getauft hat­ten. Beim israe­li­schen Han­dels­re­gis­ter war fol­gen­der Daten­satz ver­füg­bar (Per­so­na­lien wur­den ent­fernt):

51[redacted]”, “Jeru­sa­lem Dia­mond Cor­po­ra­tion Ltd.”, “JERUSALEM DIAMOND CORPORATION LTD”, “Israe­li­sche Pri­vat­ge­sell­schaft”, “frei­wil­lig liqui­diert”, “in irgend­ei­ner recht­li­chen Tätig­keit tätig sein”, “05.12.2010” , “” “,” Israel “,” S[redacted] D[redacted] “,” Israel ”

Zwi­schen­re­sul­tat: Eine Unter­neh­mung mit dem Namen ” Jeru­sa­lem Dia­mond Cor­po­ra­tion Ltd” wurde im Jahr 2010 frei­wil­lig liqui­diert. Heute exis­tiert keine sol­che Ltd mehr. Für einen angeb­lich erfolg­rei­chen und aktiv Wirt­schaft trei­ben­den Juwe­lier ist das doch enorm unge­wöhn­lich. Die Anga­ben auf der Home­page sind irre­füh­rend; sie ver­stos­sen mut­mass­lich gegen israe­li­sches Wett­be­werbs­recht und Gesell­schafts­recht. Es gibt also zum angeb­li­chen Zeit­punkt keine juris­ti­sche Per­son, die unter die­sem Fir­men­na­men recht­mäs­sig einer wirt­schaft­li­chen Tätig­keit nach­ge­gan­gen ist.

Eine Nach­frage bei der “Hadar-Mall” in Jeru­sa­lem (gemäss Web­seite sei dort die wun­der­schöne Filiale) ist bis heute unbe­ant­wor­tet geblie­ben. Viel­leicht lag es an der Sprach­bar­riere, viel­leicht haben die Zustän­di­gen vor Ort mein Mail auch als ver­däch­tig ein­ge­stuft und gelöscht. Ein vir­tu­el­ler Rund­gang oder Abfra­gen bei den offi­zi­el­len und inof­fi­zi­el­len Adress­bü­chern hat auch keine Resul­tate gezei­tigt. In der Hadar-Mall exis­tiert keine sol­che Filiale.

Ana­lyse der Betrü­ger­ser­ver: Hos­ting in Ita­lien

Gehos­tet wird die Web­seite durch einen gros­sen ita­lie­ni­schen Pro­vi­der. Der DNS Lookup hat Mitte Juni 2019 die IP 62.149.128.74  erge­ben; auf diese IP-Adresse sind zu die­sem Zeit­punkt 473’254 Domains gemappt. Der Pro­vi­der Aruba hat auf meine Mail­an­frage nicht reagiert. Im Moment eine Ein­bahn­strasse.

Die Whois-Abfrage hat auf­ge­zeigt, dass die Betrü­ger contactprivacy.com (Custo­mer 0153378863) benut­zen, um ihre Anga­ben bei den whois-Diens­ten zu ver­schlei­ern:

Abfrage vom 16.06.2019:

Connecting to whois.tucows.com…
 WHOIS Server: whois.tucows.com
 Registrar URL: http://tucowsdomains.com
 Updated Date: 2018-12-04T09:57:09
 Creation Date: 2018-12-03T22:27:17
 Registrar Registration Expiration Date: 2019-12-03T22:27:17
 Registrar: TUCOWS, INC.
 Registrar IANA ID: 69
 Reseller: Aruba S.p.A. - Servizio Aruba.it
 Domain Status: clientTransferProhibited https://icann.org/epp#clientTransferProhibited
 Domain Status: clientUpdateProhibited https://icann.org/epp#clientUpdateProhibited
 Registry Registrant ID: 
 Registrant Name: Contact Privacy Inc. Customer 0153378863
 Registrant Organization: Contact Privacy Inc. Customer 0153378863
 Registrant Street: 96 Mowat Ave 
 Registrant City: Toronto
 Registrant State/Province: ON
 Registrant Postal Code: M6K 3M1
 Registrant Country: CA
 Registrant Phone: +1.4165385457
 Registrant Phone Ext: 
 Registrant Fax: 
 Registrant Fax Ext: 
 Registrant Email: 
 Registry Admin ID: 
 Admin Name: Contact Privacy Inc. Customer 0153378863
 Admin Organization: Contact Privacy Inc. Customer 0153378863
 Admin Street: 96 Mowat Ave 
 Admin City: Toronto
 Admin State/Province: ON
 Admin Postal Code: M6K 3M1
 Admin Country: CA
 Admin Phone: +1.4165385457
 Admin Phone Ext: 
 Admin Fax: 
 Admin Fax Ext: 
 Admin Email: 
 Registry Tech ID: 
 Tech Name: Contact Privacy Inc. Customer 0153378863
 Tech Organization: Contact Privacy Inc. Customer 0153378863
 Tech Street: 96 Mowat Ave 
 Tech City: Toronto
 Tech State/Province: ON
 Tech Postal Code: M6K 3M1
 Tech Country: CA
 Tech Phone: +1.4165385457
 Tech Phone Ext: 
 Tech Fax: 
 Tech Fax Ext: 
 Tech Email: 
 Name Server: dns2.technorail.com
 Name Server: dns.technorail.com
 Name Server: dns4.arubadns.cz
 Name Server: dns3.arubadns.net
 DNSSEC: unsigned
 Registrar Abuse Contact Email: 
 Registrar Abuse Contact Phone: +1.4165350123
 URL of the ICANN WHOIS Data Problem Reporting System: http://wdprs.internic.net/
               Last update of WHOIS database: 2018-12-04T09:57:09 <<<         
 "For more information on Whois status codes, please visit https://icann.org/epp"
 Registration Service Provider:
     Aruba S.p.A. - Servizio Aruba.it, 
     +39.05750505
     +39.0575862000 (fax)
     http://www.aruba.it
     Supporto tecnico - Technical support - Asistencia tecnica : 
 http://assistenza.aruba.it

Die Mail­kor­res­po­denz, die von den Betrü­gern gekom­men ist, wurde eben­falls über ita­lie­ni­sche Aruba-Ser­ver abge­wi­ckelt. Auch das ist kein Wun­der, denn der Pro­vi­der bie­tet klas­si­sche Hos­ting-Pakete an, worin neben Domain­name- und Web-Ser­vice auch ein Mail­dienst ent­hal­ten ist. Warum sollte ein in Jeru­sa­lem ansäs­si­ger Juwe­lier einen ita­lie­ni­schen Pro­vi­der neh­men? Natür­lich nicht aus­ge­schlos­sen, aber ein Fra­ge­zei­chen ist durch­aus berech­tigt.

Ver­mut­lich ganz bewusst haben die Betrü­ger den Juwe­liers­be­ruf vor­ge­gau­kelt. Mit die­sem Beruf schwingt in den Köp­fen auto­ma­tisch das grosse Geld mit. Bei einem gewis­sen Schlag von Leu­ten könnte auch schon die Behaup­tung aus Jeru­sa­lem zu stam­men und eine jüdi­sche Fami­lie zu sein, den Reflex aus­lö­sen, ah die haben sicher Geld wie Heu!

Wir wis­sen aber alle, dass Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit und Natio­na­li­tät nicht mit Reich­tum kor­re­lie­ren. Es gibt genauso arme jüdi­sche Fami­lien und Israe­lis, die nicht mit Geld her­um­schmeis­sen, wie bei jeder ande­ren Glau­bens­rich­tung und Natio­na­li­tät. Die Betrü­ger spie­len da gekonnt mit Vor­ur­tei­len. Unter­liegt ein Opfer einem sol­chen Vor­ur­teil, stellt es sich gleich sel­ber eine Falle. Es folgt mit abge­schal­te­tem Gehirn den ein­pro­gram­mier­ten Ste­reo­ty­pen.

Alters-Check: Wann wur­den die Domain regis­triert?

jerusalem-diamond.com wurde offen­bar schon Anfangs Dezem­ber 2018 regis­triert. Eine wei­tere ver­däch­tige Seite Ende Februar 2019. Das beleuch­tet etwas die Akti­vi­tät die­ser Gruppe. Mit inten­si­ve­rer Suche wür­den garan­tiert noch wei­tere Domains zum Vor­schein kom­men.

Über den ita­lie­ni­schen Hos­ter mit sei­nen über 400’000 Web­sei­ten resp. den Betrü­ger­web­ser­ver kom­men wir nicht wei­ter. Also was tun?

Web­sei­ten-Ana­lyse

Wir ana­ly­sie­ren ein­mal die Web­seite. Grund­sätz­lich ist sie pro­fes­sio­nell auf­ge­baut. Es fällt aber auf, dass einige Bil­der nicht gela­den und Platz­hal­ter ange­zeigt wer­den. Bei einem pro­fes­sio­nell bewirt­schaf­te­ten Inter­net­auf­tritt ist das eher nicht anzu­tref­fen. Auch das Kon­takt­for­mu­lar scheint nicht zu funk­tio­nie­ren; man will als Betrü­ger ja nicht von Kreti und Pleti stän­dig kon­tak­tiert wer­den.

Ein kur­zer Blick in den Quell­code för­dert inter­es­sante Hin­weise zu Tage. An diver­sen Stel­len taucht der String “arti­nian” auf. So wird auch das Style­sheet der Web­seite genannt. Die Quel­len­ver­weise der Bil­der, die nicht gela­den wur­den, ent­hal­ten eben­falls “arti­nian” an ver­schie­dens­ten Stel­len. Was ist also Arti­nian?

Bei Arti­nian (Archiv­ver­sion auf der Way­back­ma­chine) han­delt es sich um einen in Sin­ga­pur ansäs­si­gen ordent­li­chen Juwe­len­händ­ler; die Namens­ge­bung ist auf die bei­den Grün­der­brü­der zurück­zu­füh­ren. Die Täter haben ganz ein­fach die gesamte Web­seite von Arti­nian her­un­ter­ge­la­den und auf dem eige­nen Ser­ver mit ein paar Abän­de­run­gen wie­der ange­bo­ten.

Ver­glei­chen Sie die Web­seite der Betrü­ger mit jener des Juwe­liers. Es ist ganz offen­sicht­lich:

Das Logo haben die Betrü­ger noch mit etwas Auf­wand nach­ge­macht und da und dort den Text etwas ange­passt.

Haben Sie in der Gale­rie die Web­seite “gabriel-jewlery.com” bemerkt? Da sind die Betrü­ger mit der glei­chen Masche am Werk. Visit Mai­son Gabriel Dia­monds. Die haben ein und den­sel­ben Innen­aus­stat­ter.

Die Betrü­ger­bande hat sich nicht nur bei Arti­nian bedient. So schreibt zum Bei­spiel “santojewels.com” von Krea­ti­vi­tät, “syn­chro­ni­sier­tem Team­work” und gelern­ter Pro­fes­sion (“With per­cep­tive crea­ti­vity, syn­chro­ni­zed team­work and lear­ned pro­fes­sio­na­lism we con­cep­tua­lize new design sets and manu­fac­ture sea­so­nal jewelry crea­ti­ons for cli­ents.”). Auch die Jeru­sa­lem-Dia­mond-Betrü­ger haben ein syn­chro­ni­sier­tes Team. Es wurde 1:1 der glei­che Text benutzt.

Im Wesent­li­chen wurde aber Arti­nian zum Opfer des Web­site­clonings. Arti­nian ist seit 1997 in Bang­kok domi­zi­liert (“Based in Bang­kok since 1997”), die Betrü­ger angeb­lich eben­falls seit 1997 aber halt ein­fach in Jeru­sa­lem. Es wur­den noch wei­tere Bruch­stü­cke von ande­ren Web­sei­ten benutzt, die Liste zieht sich hin.

Nun ist auch klar, warum das Kon­takt­for­mu­lar nicht funk­tio­nierte, das Herr X. benut­zen wollte. Es sind zwar die not­wen­di­gen HTML-Ele­mente in der Web­seite ein­ge­baut, aber das war’s dann auch schon. Die ein­ge­ge­be­nen Daten wer­den beim Klick auf den Absen­den­but­ton gar nicht ver­ar­bei­tet. Es feh­len die Skripe dahin­ter.

Reser­va­ti­ons­ver­träge

Der “Reser­va­ti­on­ver­trag” resp. die “Kauf­zu­sage” die Herr X. per Mail von den Betrü­gern bekom­men hatte, sah auch nicht sau­ber aus.

Das PDF wurde aus einem übli­chen Text­ver­ar­bei­tungs­pro­gramm her­aus als PDF abge­spei­chert und nicht etwa ein­ge­scannt. Sämt­li­che Ele­mente sind digi­tal, sogar der Stem­pel mit der Unter­schrift, der wurde offen­bar vor­her ein­mal gescannt und dann als Bild ein­ge­fügt. Sol­che Dinge erkennt man, wenn man den Quell­code des PDF betrach­tet und manch­mal schon von blos­sem Auge durch rein­zoo­men in den Teil mit der Unter­schrift.

Die Ortho­gra­fie ist eben­falls zum Davon­lau­fen: Bin­de­stri­che, wo es sicher keine bräuchte, Kom­ma­feh­ler en Masse, fal­sche Accent auf den Umlau­ten etc. pp, mal abge­se­hen vom kom­plett unpro­fes­sio­nel­len Word­ing.

Reser­vie­rungs­ver­trag /  Kauf­ab­sichts­er­klä­rung

[…]

Hier­mit gibt der Käu­fer ein Kauf­an­ge­bot für das vor­ge­nannte Objekt in Höhe von 1.025.000 Schwei­zer Fran­ken ( in Wor­ten Eine-Mil­lion-Fùnf-Und-Zwan­zig-Tau­send-Schwei­zer Fran­ken ab.

Bedin­gun­gen
Maß­ge­bende für die Reser­vie­rung ist das Exposé oder ähn­li­ches Mate­rial.
1. Das Objekt wurde durch den Ver­käu­fer aus­führ­lich beschrie­ben, es wurde  die Mög­lich­keit einer Besich­ti­gung ein­ge­räumt. Ent­spre­chende Unter­la­gen die für eine erste Wert­ermitt­lung  der Immo­bi­lie von Sei­ten des Bie­ters für ein Gebot not­wen­dig waren wur­den zur Ver­fü­gung gestellt. Der Käu­fer hat diese Mög­lich­keit mit­tels eines Immo­bi­lien-Wert­gut­ach­ters genutzt und für gut befun­den.
2. Alle Fra­gen des Käu­fers  wur­den durch den Ver­käu­fers Wahr­heit und aus­schöp­fend beant­wor­tet. Der Käu­fer ist Wil­lens, das Objekt wie beschrie­ben käuf­lich zu erwer­ben.
3. Der  Käu­fer ist bei Rück­tritt von sei­ner Kauf­ab­sicht nach einer schrift­li­chen Zusage durch den Eigen­tü­mer / Ver­käu­fer bereit, des­sen Auf­wand für die Suche nach einem Käu­fer zu ent­schä­di­gen. Hier­für wird eine Pau­schal­summe in Höhe von 10 % ( 102.500 CHF )  Des Kauf­prei­ses ( Kauf­preis ( 1.025.000  CHF ) Diese Summe ist inner­halb von 14 Tagen nach Rück­tritt von der Kauf­ab­sicht an den Besit­zer zu zah­len.
4. Alle per­sön­li­chen Daten und Anga­ben wer­den ver­trau­lich behan­delt
5. Die Notar kos­ten gehen zu Las­ten des Käu­fers.  Es ist in mei­nem Inter­esse, sobald alle wei­tern Fra­gen geklärt wur­den einen Notar Ter­min in naher Zukunft zu ver­ein­ba­ren.

Text­aus­zug aus dem “Reser­va­ti­ons­ver­trag” der “Jeru­sa­lem Dia­mond Co, Ltd”

Unter Pri­va­ten trifft man durch­aus “lus­tige” For­mu­lie­run­gen an; aber für einen angeb­li­chen geschäfts­er­fah­re­nen Juwe­lier ist so eine Kauf­zu­sage kaum ernst zu neh­men. Man bedenke nur ein­mal das sonst auf pro­fes­sio­nell gemachte Lay­out des PDF mit Logo, Kopf­zeile und PDF-For­mu­lar­fel­der, als ob man schon das x‑te Grund­stück­ge­schäft getä­tigt hätte.

Lächer­lich.

Übung abge­bro­chen

Was Sie vor­hin gele­sen haben, erkläre ich Herrn X. in etwas kom­pri­mier­ter Form. Herrn X. fällt nun der Gro­schen run­ter. Er schreibt den Betrü­gern:

Von Illana Las­mann hört er nie mehr etwas.

Die nächste Phase

Was hat man als Betrü­ger davon, wenn man von sich aus (!) eine Kon­ven­tio­nal­strafe resp. Auf­wand­ent­schä­di­gung von 10% oder CHF 102’500.00 (!) in der selbst­er­stell­ten Kauf­zu­sage ein­baut? Vor­der­grün­dig eigent­lich ja nichts. Nur ist die Betrugs­ma­sche hier noch nicht fer­tig­ge­strickt. Nun folgt näm­lich der “Devi­sen-Swap-Trick”:

Die Kauf­zu­sage wird zu irgend­ei­nem spä­te­ren Zeit­punkt aus irgend­ei­nem Grund zurück­ge­nom­men. Dann gau­kelt man vor, es tue unglaub­lich leid und man wolle die Straf­zah­lung gem. Ziff. 3 des Reser­va­ti­ons­ver­trags beglei­chen, daran müsse sich nun wohl oder übel hal­ten. Oder die Betrü­ger war­ten dar­auf, dass das Opfer nun den Reser­va­ti­ons­ver­trag stu­diert, den ver­meint­li­chen Bra­ten riecht und sel­ber auf die Straf­zah­lung beharrt. Das Opfer befin­det sich ver­meint­lich in einer Posi­tion der Stärke.

So oder anders: Geld ist natür­lich kein Pro­blem, man ist schliess­lich eine rei­che Juwe­liers­fa­mi­lie. Und: Man ist ja per Zufall gerade in Ita­lien. Herr X. wird in ein Hotel ein­ge­la­den und man trifft sich in einer Geschäfts­lo­ka­li­tät. Dis­ku­tiert wird dann aber weni­ger über die Straf­zah­lung als viel­mehr über ein attrak­ti­ves Tausch­ge­schäft von CHF nach EUR mit einem Geschäfts­part­ner der ver­meint­li­chen Juwe­liers­fa­mi­lie. Das Opfer soll zuerst ein­mal nur wenige Tau­send Fran­ken brin­gen. Das klappt prima, das Opfer erhält einen statt­li­chen Euro­be­trag und fasst Ver­trauen. Die Straf­zah­lung wird auf einen spä­te­ren Ter­min ver­scho­ben.

Beim nächs­ten Tref­fen behaup­ten die Betrü­ger, es böte sich eine wei­tere Gele­gen­heit zu einem Tausch­ge­schäft, bevor man die geschul­de­ten CHF 100’000.00 über­gebe. Die­ses Mal ginge es um CHF 50’000.00, dann lohne sich das auch. Das sei sicher ein will­kom­me­ner Zustupf an die Pen­sion. Und das Beste: alles steu­er­frei, dem Fis­kus muss man ja nichts sagen! Danach würde dann gleich die Straf­zah­lung erfol­gen und das Opfer könne wie­der nach Hause und das Leben genies­sen. Das Geld wird zur Über­gabe an den Geschäfts­part­ner kas­siert, die “Juwe­liere” ver­schwin­den auf Nim­mer­wie­der­se­hen und das Opfer steht mit lee­ren Hän­den da.

Wenn die Betrü­ger in ihrem Opfer tat­säch­lich eine kon­spi­ra­tive Geis­tes­hal­tung erzeu­gen kön­nen, dann errei­chen sie, dass es den kom­men­den Instruk­tio­nen auch aufs Wort folgt. Sel­ber hat man kei­ner­lei Erfah­rung, es lockt das grosse Geld und schliess­lich ist es ja so abge­macht. Das Gehirn ist auf Auto­pi­lot geschal­ten.

Diese Phase hat Herr X. mit sei­nem tro­cke­nen Email gekonnt vor­weg­ge­nom­men und Illana in den Sen­kel gestellt. Ciao, Ciao Frau Las­mann.

All­ge­meine Ver­hal­tens­mus­ter

Es gibt noch wei­tere Ver­hal­tens­mus­ter sol­cher Betrü­ger, die auch hier zuge­trof­fen haben. Erin­nern Sie sich an die Tele­fo­nie­re­rei zwi­schen Illana und Herrn X.? Zwar bat Herr X. ver­schie­dent­lich darum, wegen dem Geschäft doch sei­nem Anwalt anzu­ru­fen. Die­ser Wunsch wird aber kon­se­quent igno­riert. Das wür­den rich­tige Käu­fer nie machen. Betrü­ger dage­gen wol­len nichts wis­sen von Juris­ten. Schon gar nicht von Anwäl­ten. Tele­fo­nie­ren dage­gen schafft Nähe und baut Ver­trauen auf.

Hell­hö­rig sollte man auch wer­den, wenn das Gegen­über doch eigent­lich in Jeru­sa­lem oder sonst wo zu Hause ist, urplötz­lich und ganz zufäl­lig dann aber im nahen Aus­land ver­weilt. Betrü­ger nut­zen sol­che vor­ge­gau­kel­ten Umstände, um zeit­li­chen Druck auf­zu­bauen. Plötz­lich muss es schnell gehen, weil man nur noch ein paar Tage in der Nähe ist. Sie kön­nen sich die Geschichte sel­ber aus­ma­len, wenn Herr X. auch noch in die Devi­sen­tausch-Phase rein­ge­zo­gen wor­den wäre.

Das war eine kleine Detek­tivstory rund um eine ita­lie­ni­sche Betrü­ger­bande. Mit ein­schlä­gi­gen Recher­che­fä­hig­kei­ten las­sen sich Betrü­ge­reien auf­de­cken. Die­ses Mal ist gerade noch­mals gut aus­ge­gan­gen.

* Herr X. ist mir bekannt. Ob es sich dabei um einen Herrn oder eine Dame han­delt, spielt keine Rolle. Alle übri­gen Details haben sich so zuge­tra­gen, wie hier berich­tet. Herr X. ist mit der Ver­öf­fent­li­chung die­ser Umstände ein­ver­stan­den. Er will damit ein Zei­chen set­zen und hofft, dass andere Betrof­fene sol­chen Betrü­gern gar nicht erst auf den Leim gehen.

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